Das Zusammenspiel von Wahrnehmung, Bewusstwerden, Bewusstsein und Wissen

Aus Jugendsymposion
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von Theresa Adenstedt, 12. Oktober 2010


Lange war ich blockiert bezüglich der Ausformulierung meiner Gedanken zum Thema Bewusstsein. Ich fand schlicht keinen Einstieg, nichts Passendes, mit dem ich das Kommende hätte einleiten können – wie auch, wenn es, getreu der Herleitung des Wortes »Essay« ein Versuch ist, ein Modell meinerseits ohne spezielle Vorbereitung; reines Gedankenspiel.

Es hat lange gedauert, bis ich mich dazu durchringen konnte, die Einleitung Einleitung sein zu lassen um so letztlich die eigentliche Einleitung zu finden.

Rückwirkend betrachtet ist dies in gewisser Weise der im Folgenden beschriebene Prozess. Die Kombination von Wahrnehmung meiner Gedankengänge, des Bewusstwerdens und des Ordnens jener sowie des daraus folgenden Bewusstseins, der einstweiligen Erkenntnis in Form des hier Ausformulierten. Beginnend mit den für mich grundliegenden Fragen:

– Was bedeutet Bewusstwerden, was ist das überhaupt?

– Inwieweit ist das Bewusstsein vom Bewusstwerden abhängig und kann das Bewusstsein die eigentliche Erkenntnis sein?

– Was ist Wissen, inwieweit steht es im Zusammenhang mit Bewusstsein und -werden?

– Gibt es so etwas wie einen „inneren Dreischritt“?


Unserem gesamten Dasein liegt ein sinnlicher Vorgang zu Grunde: das Wahrnehmen. Egal wie alt man ist, ob man wach ist oder schläft, egal was man tut, man nimmt immer unweigerlich wahr. Es ist quasi die Grundlage unseres Seins, würden wir nichts wahrnehmen, wären wir nicht existent.

Das Wahrnehmen an sich vollzieht sich bei jedem, ich nenne es einmal ,»neutral«. Zwar ist die Wahrnehmung eines jeden subjektiv, der Vorgang aber ist immer der gleiche, die reine Sammlung von Informationen. Erst wenn wir diese Informationen weiterverarbeiten ist der Prozess nicht mehr »neutral«, denn das Aufgenommene wird in einen subjektiven Kontext gesetzt, mit unserem Ich abgeglichen, also mit dem, was uns als Mensch bereits ausmacht: Gefühl, Erfahrung, Wissen. Bildlich gesprochen könnte man vielleicht von einem riesigen Schrank mit einzelnen Bereichen und wiederum unzähligen kleinen Türchen sprechen, vor dem die Informationen nach der Wahrnehmung stehen und nun von uns einsortiert werden müssen. Für mich ist dieses Sortieren oder Verarbeiten der Prozess des Bewusstwerdens. Man selbst befindet sich mit den Informationen in einer noch ungeklärten Situation. Sie sind in unserem Inneren nach der Aufnahme zwar vorhanden, haben aber noch keinen Bezug zu uns, sie sind noch nicht eingegliedert.

In dem Moment, in dem dieses Sortieren, Einordnen abgeschlossen ist, wenn wir unser Inneres mit den Informationen abgeglichen und ein scharfes Bild haben, ist das Bewusstsein erreicht. Das kann in Sekundenschnelle geschehen oder eben auch sehr sehr lange dauern, denn nicht immer bilden die Informationen sofort ein klares geistiges Bild. Das Bewusstsein könnte als ein Resultat des Bewusstwerdens beschrieben und betrachtet werden. Es ist für mich kein langanhaltender Zustand, sondern eine Aneinanderreihung einzelner Punkte. Betrachtet man das Wort grammatikalisch, so definiert das Verb »sein« an dieser Stelle den Zustand des Bewussten, im Infinitiv Präsens, beschreibt es also das Jetzt.

Es ist der Moment, an dem die Informationen der vorhergehenden Aufnahme mit der gegenwärtigen »inneren Situation« in Bezug gesetzt wurden. Für jeden Menschen ist dieser Punkt im entsprechenden Jetzt absolut. Ich beziehe dieses auf eine angehaltene Bewegung, auf einen »eingefrorenen« Moment, welcher rein mathematisch gesehen unendlich klein ist.

Eine Frage, die sich an dieser Stelle für mich auftut, ist ob dieser Moment nicht letztlich auch dem Begriff der Erkenntnis entspricht. Denn ist Erkenntnis nicht der Moment, in dem alle Informationen mit dem schon Vorhandenen eine Übereinstimmung und ihren »richtigen« Platz finden, wenn aus dem Unscharfen etwas scharfes geworden ist und so für uns erkennbar und sinnvoll?

Definitiv ist, dass all diese Prozesse, mögen sie nun so ablaufen oder nicht, wenn überhaupt nur für die betreffende Person nachzuvollziehen sind. So befindet sich alles in unserem Inneren und ist dementsprechend vollständig unser Eigen, für das es in diesem Sinne auch keine »Beweise« gibt. Eine wahrscheinlich zu oft unerkannte Freiheit. Es ist unser Wort, das unserem Inneren, unseren Gedanken von uns gesteuert Ausdruck verleihen kann. Eine andere Ausdrucksform ist beispielsweise die Kunst. Wobei nicht vergessen werden darf, welche Bedeutung Körpersprache in diesem Zusammenhang spielt. So kann sich durch den Gewinn einer Erkenntnis die Körperhaltung grundlegend ändern.

Anders verhält es sich mit dem Wissen. Wissen muss bewiesen sein, denn es zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es durch belegbare Erklärungen für das Kollektiv zugänglich wird. Denn letztlich ist Wissen ein gemeinschaftlicher Konsens, der auf anerkannten Herleitungen basiert. Es kann von außen konsumiert werden und Teil unseres Inneren sein ohne eine Verknüpfung mit demselben zu haben. Ein für mich ganz entscheidender Punkt ist die mögliche Einwirkung von außen, die nicht zwangsläufig ein Nachvollziehen erfordert. Sie könnte vielleicht als »passives« Wissen benannt werden. Dem gegenüber steht das »aktive« Wissen, welches eben den ganzheitlichen Prozess, jenen des Wahrnehmens, Bewusstwerdens und der Erkenntnis erfordert, bevor es formulierbar ist und von Wissen gesprochen werden kann. Darunter verstehe ich zum Beispiel erfahrungsgestütztes Wissen, d.h. wenn man durch eigenes Erleben oder durch das in Zusammenhangsetzen der eigenen Gedanken zu einer Erkenntnis gelangt ist, welche man begründen und belegen kann.

Sicherlich wird von uns, beispielsweise beim schulischen Lernen, erst einmal »passives« Wissen aufgenommen. Doch wird auch dort solange mit dem Inneren abgeglichen und eingeordnet bis die Erkenntnis, das Verständnis einsetzt, im Idealfall. Wird Wissen hinterfragt und in einen neuen Zusammenhang gebracht, müssen gedanklich erst einmal neue Verbindungen, neue Kausalketten gebildet werden, die durch eine dezidierte Beweisführung Nachvollziehbarkeit erlangen und so eventuell zur Veränderung des Wissens beitragen.

Passt das Aufgenommene allerdings nicht mit dem bereits vorhandenen überein, bzw. kann in jenes nicht eingegliedert werden, so kann auch der Punkt der Erkenntnis, des Bewusstseins nicht einsetzen, was nicht ausschließt, dass die Informationen nicht vorhanden, abrufbar oder wiedergabefähig sind. Verwende ich eine mathematische Formel zum Lösen einer Aufgabe so muss ich die Herleitung nicht zwangsläufig verstanden haben um zu einem Ergebnis zu kommen. Daraus folgt eben eine klare Unterscheidung zwischen der subjektiven Wahrnehmung und des Wissens. Die Wahrnehmungen sind quasi der Ausgangspunkt für die Herausbildung des Wissen über das Bewusstwerden und den Bewusstseinsmoment, während beim Wissen von einer Reduktion der inneren Vorgänge auf rationale Kombination von wahrnehmungsgestüzten, belegbaren Informationen gesprochen werden kann, die Emotionen und Ich-Bezüge außen vorlässt.


Wäre es nicht demnach möglich, zu behaupten, dass es ein Muster gibt, ein System, welches sich immer wiederholt und auch bestimmend ist für unser Ich, so dass die eigentliche Variabilität und Individualität durch die Kombination von Einflüssen und Wahrnehmungen entsteht?

Vielleicht könnte man dabei von einer Art des inneren Dreischrittes sprechen, der das Wahrnehmen, das Bewusstwerden und das Bewusstsein, also die Erkenntnis umfasst. Ich glaube, dass es wichtig ist diese drei Prozesse, Abläufe unter einem Überbegriff zusammenzufassen.

Das Ich-Bewusstsein ist dann eine spezielle Form des oben beschriebenen Bewusstseins, die Ich-bezogene Erkenntnis innerhalb des jeweiligen unendlich kleinen Momentes, gewonnen aus dem Vergleich und der Verschmelzung der vorhandenen Einflüsse, individuellen Erfahrungen und Gefühle.

Der »innere Dreischritt« sowie das Wissen als Folge sind die Grundlage der Veränderung als positiven Prozess. Denn in die Erkenntnis geht auch eine sich während des Bewusstwerdens bildende, Bewertung mit ein. Letztlich ist es unser Handeln, das auf diesen Prozessen basiert und sich in ihnen begründet. Etwas das wir uns im Gedächtnis halten sollten.


All dies von mir Beschriebene ist ein Modell, eine Idee. Es ist ein kleiner Ausschnitt dessen, was zu Bewusstsein gesagt werden kann. Aber da wir uns in einem immerwährenden Fluss befinden, so sind dies die, so weit es ging unvoreingenommenen, Gedanken eines kleinen Momentes.


Links

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Zum 3. Kasseler Jugendsymposion »Bewusstsein«