25. Kasseler Jugendsymposion »Sensus communis«

Aus Jugendsymposion
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In ihrem Fragment zum Urteilen setzt sich Hannah Arendt mit Kants Auffassung von der menschlichen Urteilskraft auseinander und definiert dort die Menschen als Wesen, die - mit einem sensus communis, einem Gemeinsinn, ausgestattet - ihre Urteile nicht nur für sich allein, als autonome Individuen, sondern gemeinsam mit ihren Mitmenschen im Diskurs ausbilden. Dies scheint angesichts der gegenwärtig sich häufenden Diskussionen um die öffentliche Meinungsbildung insofern bedeutend, als zweifellos das Anrecht auf die Bildung und öffentliche Äußerung einer eigenen Meinung jedem Individuum zukommen muss, diesen individuellen Äußerungen jedoch erst im Rückbezug zur Lebenswelt, unter Anwendung von Wahrheitspraktiken und in der Bezugnahme auf andere Positionen die Qualität eines fundierten Urteils zukommt. Dabei ist Wahrheit in diesem Verständnis keine metaphysische, sondern eine in der Gemeinschaft kommunizierte und diskutierte Kategorie. Der sensus communis in diesem Sinne zielt daher nicht auf kollektive Identität, sondern auf die Notwendigkeit, Gemeinschaft im Diskurs der Vielfältigkeit (Ambiguität)entstehen zu lassen. Der Philosoph Michael Hampe sieht in seinem Plädoyer für eine dritte Aufklärung die Notwendigkeit, zur Bewältigung der humanitären, sozialen und ökologischen Herausforderungen über die emanzipatorischen Ziele zur Realisierung des Selbst hinaus eine Kultur des Austausches zu beleben, in der sich Menschen als aktive Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihrer Welt verstehen, die Gewalt, Grausamkeit und Illusion zurückdrängen und ihre Verantwortung in globaler und menschheitlicher Dimension begreifen. Hampe tritt im Sinne der Aufklärung für eine Ethik ein, die Zukunft als offenen Möglichkeitsraum begreift, der - ohne festschreibende Metakonzepte - in vielfältiger Weise, aber ausgehend einem auf Wahrheit ausgerichteten Austausch gestaltet werden kann.

Ein zentrales Verdienst der ersten Aufklärung im 18. Jahrhundert ist die Formulierung unhintergehbarer Individualrechte. In offenen Gesellschaften wurde daraus einerseits der Wert konsequenter Selbstbestimmung (Gender, Kulturzugehörigkeit, berufliche Realisierung etc.), andererseits aber auch ein Anrecht auf exklusive Selbstverwirklichung (Chancenoptimierung, Karriereplanung, Selbstbehauptung im ökonomischen Konkurrenzkampf etc.) abgeleitet. Gerade diese liberalistische Interpretation der Individualrechte scheint vielfach durch die Klimakrise, durch die Verteilungskrise, durch asymmetrische Kriege, durch die Ökonomisierung sozialer Dienstleistungen, durch ungleiche Partizipation an Bildung, aber auch durch eine schwindende Identifikation mit dem Gemeinwohl in Frage gestellt. Insbesondere die Klimakrise und die durch die Corona-Pandemie endgültig zum Vorschein kommende Krise unserer Sozialsysteme machen deutlich, dass die emanzipatorischen Bestrebungen bzw. die ideellen Selbstkonzepte erweitert werden müssen, da durch einen einseitig exklusiven Individualismus auch die außermenschlichen Rahmenbedingungen für die individuelle Selbstrealisierung gefährdet werden. Ein in diesem Sinne erweiterter Begriff von Gemeinsinn schließt demnach nicht nur die Sozialität des Menschen, sondern auch die ihn umgebende Welt, die Biosphäre, den Artenschutz, das Tierwohl sowie die Gestaltung des Lebensraums mit ein. Einen in diesem umfassenden Verständnis definierten Gemeinsinn in seinen Facetten zu diskutieren ist Anliegen des 25. Kasseler Jugendsymposions.