5. Kasseler Jugendsymposion »Ästhetik« - Nachklang

Aus Jugendsymposion

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 »Jede Bildung muss ästhetische Bildung sein.« 

Vier Tage lang widmeten sich 250 Jugendliche und junge Erwachsene von Waldorfschulen aus ganz Deutschland gemeinsam mit namhaften Rednern und Dozenten verschiedenster Disziplinen dem Thema »Ästhetik«. Dabei wurde deutlich, dass das Wesen der Ästhetik stark changiert, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Ästhetik »passiert« irgendwo im Wechselspiel zwischen den Objekten selbst, dem wahrnehmenden Subjekt und dem Wahrnehmungsvorgang.

»Ästhetisches Erleben heißt: Mit Erlebnissen etwas ahnen«, so der Hamburger Komponist Benedikt Burghardt in seinem Vortrag zur Musikästhetik. Für die Teilnehmer/innen des 5. Kasseler Jugendsymposions dürfte sich dieser Satz als wahr erwiesen haben und durch die vielfältigen Erlebnisse eine Ahnung dessen entstanden sein, was die Kategorie »Ästhetik« ausmacht.

Das Staatstheater Kassel Dr. Ursula Benzing hielt im Foyer den Eröffnungsvortrag, dem der Besuch der »Zauberflöte« folgte

Schon die Eröffnungsveranstaltung im Staatstheater Kassel war ein (ästhetisches) Erlebnis der besonderen Art für die 250 Jugendlichen. Nach der Begrüßung durch Veranstalter Prof. Dr. Wilfried Sommer, einem Vortrag zur Inszenierungsästhetik von Operndirektorin Dr. Ursula Benzing und einem stilvollen Empfang im Opernfoyer erlebten die Jugendlichen die Generalprobe der Mozart-Oper »Die Zauberflöte«. Die Kasseler Inszenierung bot im weiteren Verlauf des Symposions jede Menge Gesprächsstoff: So stellte sich Bühnenbildner Daniel Roskamp in einem Nachgespräch den nicht enden wollenden Fragen zur Gestaltung des Bühnenbilds, der Theaterwissenschaftler Stefan Petraschewsky (Redakteur bei MDR Figaro) ließ in seinem Seminar zur Theaterästhetik verschiedene Zauberflöten-Inszenierungen miteinander vergleichen und auch im Rahmen des Nachtcafés wurde heiß über die ästhetische Konzeption debattiert.

In den Plenarvorträgen konnten verschiedene Schlaglichter auf das Phänomen »Ästhetik« geworfen werden. Der Hamburger Komponist Benedikt Burghardt brachte die Schüler/innen und Studierenden in Kontakt mit ihrer eigenen ästhetischen Erlebnisfähigkeit, indem er zunächst ein intensives Fremdheitserlebnis mit einem persönlich präsentierten Klavierstück Arnold Schönbergs erzeugte, das sich im Verlauf des Vortrags über genaues Hören sowie Singen einzelner Klänge mit der aufmerksamen Hörerschaft mehr und mehr auflöste und in ästhetisches Erleben mündete. »Lauschen Sie, statt nur verstehen zu wollen!« appellierte Burghardt an das Plenum. Das fiel niemandem schwer, als von 250 Stimmen intonierte Schönbergsche Akkorde im Tagungssaal erklangen.

Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann während seines Vortrags zur Wahrnehmungspsychologie

Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann von der Universität Kassel lieferte am Nachmittag in seinem Vortrag die psychologische Erklärung: Ist der Grad der Fremdheit eines betrachteten Objekts zu hoch, entsteht keine Neugier, die aber Voraussetzung ist für einen spezifischen Spannungszustand, der dem ästhetischen Erleben vorausgeht. »Ästhetisches Erleben entsteht aus dem Wechselspiel zwischen äußerem Eindruck und innerem Erleben im Moment des Spannungsabfalls«, so der Sozial- und Persönlichkeitspsychologe.

Prof. Dr. Lambert Wiesing verstand es, in einem lebendigen Vortrag seine philosophischen Thesen anschaulich zu vermitteln

Der Jenaer Wahrnehmungsphilosoph Prof. Dr. Lambert Wiesing konfrontierte mit seiner These vom MICH der Wahrnehmung. »Die Wahrnehmung schleift Sie selbst mit in die Welt hinein. Wenn Sie wahrnehmen sollen, müssen Sie selbst dabei sein: Wahrnehmung führt zur Partizipation.« Wiesing zufolge ist es »die Religion unserer Gegenwart«, dass unser Verhältnis zwischen Subjekt und dieser Welt ein Interpretatives sei. Vielmehr sei Wahrnehmung immer ein Partizipationsverhältnis. »Nur gegenüber Bildern können wir wirklich Zuschauer sein und in eine ‚Partizipationspause‘ eintreten«, so der Experte für vergleichende Bildtheorie.

Prof. Pieter van der Ree spannte in seinem Vortrag den Bogen von der Architektur früherer Kunstepochen zur organischen Architektur der Gegenwart und stellte sich anschließend den Fragen der Schüler/innen

Der Architekturprofessor Pieter van der Ree führte dem Plenum in einer Reise durch die Geschichte der Architektur vor Augen, dass Architektur gewissermaßen den Hintergrund ästhetischen Erlebens bildet. Van der Ree markierte Architektur als »Bedeutungsträger«, als »Ausdruck menschlichen Denkens«, als ein Phänomen, das »bis in die Körperlichkeit« wirkt und forderte: »Architektur soll auch eine geistige Ebene haben, nicht nur eine ökologische. Wir werden uns um ein neues geistiges Leben kümmern müssen. Das wird sich auch auf die Architektur auswirken.«

Prof. Dr. Jost Schieren und seine interessierten Zuhörer/innen

Prof. Dr. Jost Schieren von der Alanus Hochschule Alfter beleuchtete eine philo-sophische Dimension von Ästhetik. Er machte auf die Problematik aufmerksam, dass wir gegenwärtig in einem Dualismus zwischen Mensch und Welt gefangen seien. Ein von den Dingen getrenntes Bewusstsein führe dazu, dass wir uns die Welt, die Natur so zu Nutze machen, dass wir unsere zivilisatorischen Bedürfnisse befriedigen. „Ich muss als ästhetisch Erlebender ein Gleichgewicht halten können zwischen dem, was sinnlich-stofflich ist und was die freie Gestaltungskraft des Künstlers ist«, formulierte Schieren und wies darauf hin, dass ästhetisches Erleben uns tiefer in die Erscheinungswelt hinein-führe, als es sonst unser Vorstellungsbewusstsein tue. Schieren plädierte abschließend für »die Wiedererschließung eines schöpferischen Bewusstseins.«

Das thematisch breit gefächerte Kursprogramm ermöglichte es den Jugendlichen, individuelle Schwerpunkte für eine vertiefende Auseinandersetzung mit Fragen der Ästhetik zu wählen. Über die »Schönheit und Ästhetik in der Mathematik« war da zu lernen, über »Farbe und Schönheit aus naturwissenschaftlicher und philosophischer Sicht«. »Friedrich Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« konnten behandelt werden, ebenso wie »Schönheitsideale im Wandel der Zeit«. Im Seminar »Von Konsonanz und Dissonanz« konnten musikästhetische Aspekte am Beispiel von Chorliteratur betrachtet werden und anderes mehr.

Am »Abend im Zeichen der dOCUMENTA (13)« wurde der Fokus der Teilnehmer/innen bereits in die Zukunft gelenkt: Im Rahmen des 6. Kasseler Jugendsymposions, das unter dem Thema »Kulturen« steht, werden die Jugendlichen die weltbekannte Kunstausstellung besuchen. Ein Mitarbeiter des documenta-Archivs (Dr. Friedhelm Scharf), eine Kunstprofessorin (Prof. Dr. Susanne Schröer) sowie der renommierte und in Kassel für seine documenta-Arbeit bekannte und viel geschätzte Autor Dirk Schwarze versorgten mit allen erforderlichen Informationen zur dOCUMENTA (13).

Mit einer Aufgabe für das 6. Jugendsymposion und einem Ausblick auf die hundert Tage dauernde Kunstausstellung durch Friederike Siebert von der Abteilung Maybe Education and Public Programs der dOCUMENTA (13) wurden die frisch gebackenen Ästhetik-Experten nach einer intensiven Reflexion des Erlebten von den Veranstaltern Stephan Sigler, Wilfried Sommer und Michael Zech aus der Tagung entlassen.

Zitate aus den Vorträgen

5. Kasseler Jugendsymposion: Zitate

Die Power-Point mit den Zitaten aus den Vorträgen zum Herunterladen: Redner-Zitate.pdf

Impressionen