1-S16 Und nach der Schulzeit?

Aus Jugendsymposion

Wechseln zu: Navigation, Suche

Kursleiter: Florian Zech

Den Titel dieses Seminars fand ich etwas irreführend, denn es ging eigentlich nicht um "Und nach der Schulzeit?" im allgemeinen, sondern um das non-profit Unternehemen in Kapstadt in Südafrika, das Florian Zech - nach der Schulzeit - aufgebaut hat. Dieses Beispiel für etwas was man nach der Schulzeit machen kann hat mich, und ich denke auch die anderen Seminarteilnehmer, beeindruckt. Und ich habe einen Artikel (der auch in unserer Schülerzeitung erscheinen wird) darüber geschrieben, den ihr hier im folgenden lesen könnt.

Entwicklungshilfe Fußball

Florian Zech ist dabei. Na gut, noch hat er keine Tickets, aber er hat sich beworben für die WM 2010 in Südafrika. Und auch wenn er keine bekommen sollte, ist er dabei. Er wohnt nur knapp 10 Autominuten von dem neuen 60.000 Plätze bietenden Stadion in Kapstadt entfernt. Und nur ein paar hundert Meter von seinem eigenen kleinen Stadion. Das Stadion, nein eigentlich ist es einfach ein Fußballplatz, ein Kunstrasenplatz, ist Teil des Projekts »Amandla Ku Lutsha«. Es befindet sich in Khayelitsha, dem größten Township von Kapstadt. Auf sehr engem Raum leben dort fast 2 Millionen Menschen in ärmlichen Verhältnissen. Der durchschnittliche WM-Tourist wird sich dort sicher nicht so schnell blicken lassen. Florian ist erst 22 Jahre alt, stammt aus dem Chiemgau und ging nach der Schule als Volontär nach Kapstadt in ein Kinderheim. Er spürte schon immer einen »eigentlich unerklärlichen Zug nach Afrika«. Dort blieb er dann auch, allerdings wurde ihm die Arbeit im Kinderheim bald zu langweilig. Er wollte wirklich etwas an den Verhältnissen ändern. Im Kinderheim bekamen die Jugendlichen zwar ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen, den Tag verbrachten sie aber weiterhin auf der Straße – wo sie nichts Sinnvolles anstellten. Es gibt dort keine Perspektive für die Jugendlichen - nur ein Leben in Armut. Verwicklungen in Drogenprobleme und Bandenkonflikte sind die Folge. Gemeinsam mit einer Freundin aus Portugal gründete er 2006 das Unternehmen »Amandla Ku Lutsha«. Das Motto war: »Give strength to youth – educate through sport«. Die Beiden gingen ohne großes Vorwissen in dieses Projekt, sie gingen nicht mit der Absicht nach Afrika eine Hilfsorganisation zu gründen. Sie hatten folglich auch keinen genauen Plan wie es gehen muss. Das Unternehmen entstand schlicht aus der Erkenntnis, das es nötig und möglich ist. Es wurde gemeinsam mit den Einheimischen entwickelt. Fußball ermöglichte den direkten Zugang zu den Jugendlichen. Feste Zeiten zu denen sie sich trafen, halfen die Jugendlichen in ein geordnetes Leben zu führen.

Europäische Sponsoren ermöglichten bald den Bau eines Kunstrasenplatzes. Heute erreicht das Projekt etwa 3000 Kinder aus Heimen und auch aus Gefängnissen. Es gibt zwei Jungen und eine Mädchenliga, die Jugendlichen fühlen sich zugehörig und sind stolz an dem Projekt teilnehmen zu dürfen. Neben den drei Trainingseinheiten pro Woche gibt es noch ein »Life-Skill Programme«, in dem die größtenteils elternlosen Jugendlichen lernen sollen mit den Problemen, denen sie täglich begegnen, besser umzugehen. Auch soll es dazu beitragen das sie für die Gesellschaft in der sie leben zu nützlichen Mitgliedern werden. Das »Leadership Programme« dient dazu, ausgewählte Jugendliche zu positiven Vorbildern auszubilden. Sie sollen, wenn möglich, später auch Aufgaben innerhalb der Organisation übernehmen. Jeden Freitag- und Samstagabend, zu den Zeiten, an denen die Kriminalität am höchsten ist, findet zudem die »night league« statt. Erwachsene Männer, die sich ansonsten vielleicht betrunken auf der Straße herumtreiben würden, treffen sich und spielen Fußball. Dazu gibt es Musik und manchmal auch einen Tanz »Ein eindrucksvolles Erlebnis«, sagt Florian.

Insgesamt sind über 50 zum größten Teil einheimische Leute in dem Projekt beschäftigt, davon 5 vollangestellte. Seit das Projekt in dem Verband »Streetfootballworld« anerkannt ist fällt das Generieren von Spenden leichter. Das Projekt ist noch sehr jung, ob es letztendlich wirklich erfolgreich ist, wird sich auch an dem zeigen was die Jugendlichen machen, wenn sie nicht mehr in das Projekt eingebunden sind. Florian möchte sich selbst »so ersetzbar wie möglich» machen. Zum einen weil er keine neuen Abhängigkeiten aufbauen will, zum anderen weil er vielleicht nicht für immer dort bleiben möchte. Für die nächsten Jahre hofft Florian mit seinem Konzept auch in anderen Städten Kinder von der Straße zu holen.

Die Weltmeisterschaft sieht Florian eher kritisch, obwohl er auf jeden Fall dabei sein will. Einen Großteil des Gewinns würden ausländische Investoren abschöpfen, und die Investitionen Südafrikas seien zwar vielleicht für die Wm notwendig, langfristig gesehen seien sie aber zum größten Teil unnötig. »Wir haben hier in Kapstadt ein Rugby-, ein Cricket-, und ein Fußballstadion und jetzt wird noch eins gebaut, das brauchen wir hier gar nicht«. Nichtsdestotrotz ist die Vorfreude auch unter den Jugendlichen natürlich riesig. Manche hoffen noch eines der 120.000 Tickets zu ergattern, die die Fifa an Südafrikaner verschenkt.

Noch geht es Afrika schlecht. Nirgendwo auf der Welt ist das Elend größer. Nirgendwo sonst gibt es so viele Probleme. Von der Milliarde Menschen, die auf dem Kontinent leben, muss rund ein Viertel hungern. Nur die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Trinkwasser. Bisher konnte die unermüdliche Entwicklungshilfe des reichen Nordens wenig daran ändern. und so gibt es bis jetzt selten positive Nachrichten aus dem schwarzen Kontinent. Eine ist die von »Amandla Ku Lutsha«. »90 Prozent des Lebens hier ist ganz normal und friedlich« meint Florian Zech. Er wünscht sich auch eine veränderte Wahrnehmung des Westens von Afrika. Neben einer klüger eingesetzten Entwicklungshilfe bräuchte Afrika vor allem mehr Respekt – auch für seinen Fußball.

Samuel Lennartz

Zurück zum 1. Kasseler Jugendsymposion »Wirklichkeit«